Sie dachte, dass sie ihn liebte, und dass es schön war, da zu liegen am Seeufer, verliebt und betrunken.
Er stand neben ihr, sie hatte seine Waden auf Augenhöhe, braun und blondgekräuselt, und er sprach und sie hörte seine Stimme über sich.
„…. man müsste verdammt noch mal mächtig sein“, sagte er, sie sah aus halbgeschlossenen Augen zu ihm, blondgekrauste, Beine ohne Socken in den Schuhen, „ich würde das alles nicht zulassen. Dass einer arm ist. Dass einer mit seiner Tochter…“ und Haimo hieb mit der Fußspitze gegen den Boden und die Steine spritzten in der Luft, sehr nahe bei ihrem Gesicht, und sie sagte „Haimo, pass auf“, und er sagte „Du bist so hässlich, wenn du betrunken bist“, und sie musste lachen, obwohl es gemein von ihm war, und dann fuhr er fort in seinem Vortrag den er der Morgendämmerung hielt.
Sie lag da und dachte, dass sie ihn liebte, und dass er schön war und dass es gut war, da zu liegen, verliebt und betrunken, und dass seine Stimme schön war, mächtig und edel.
„Ich würde das alles nicht zulassen“, sagte also Haimo, „dass sie gemein sind zu denen, die sich nicht wehren können. Ich kenne ein Mädchen – jetzt ist sie eine Frau – und der haben sie alle Finger gebrochen, einfach so. Ich würde das alles nicht zulassen. Dass einer wehrlos ist. Dass einer sich schämen muss, weil er keinen Vater hat. Dass Kinder weinen, weil sie machtlos sind.“
„….du hast Recht“, sagte sie, aber er wollte sie nicht hören, nur seine eigene Stimme, und er fuhr fort, mit mehr Lautstärke und Rhythmus: „Ich würde machen, dass es gut ist, verstehst du? Dass keiner sein Kind allein lässt. Dass keiner seine Frau schlägt, dass sie Blut spuckt. Ich kenne eine Frau, sie ist alt, sie könnte meine Mutter sein, sie hat einen Mann, der schlägt sie, und sie ist hässlich wenn sie so aussieht, grün und blau, so soll ein Mensch nicht aussehen müssen. Weißt du. Und ich würde es nicht zulassen. Dass sie nicht einfach weggeht, das würde ich nicht zulassen, dass sie sich nicht wehrt.“
Claire versuchte nicht mehr, etwas zu sagen, weil es ohnehin nicht ankommen würde, und sie fühlte, dass ihr kalt war und dass sie betrunken war und dass sie auf harten Steinen lag und dass sie die Füße Haimos auf Augenhöhe hatte, und dass es nicht gut war, da zu liegen, allein und betrunken.
„Man glaubt, man hat ein Recht darauf, dass Sachen im Leben gut gehen. Dass man lachen kann, und dass einen jemand liebt, und dass einem nichts Böses passiert, und dass es gut gehen wird, alles. Aber bei wem willst du reklamieren, wenn es nicht so ist, wer ist Schuld daran, bei wem klagst du es ein. Verstehst du, dass es nicht ein bisschen gerechter sein kann.“
„…“
„Du hast kein Recht darauf, dass etwas gut geht, nie.“
Die Sonne ging auf, sehr schnell, und er sprach weiter, er war beinahe nüchtern, mit voller Stimme und hochaufgerichtet und als er sich irgendwann nach Claire umdrehte, lag sie nicht mehr am Ufer.
Ihre Tasche war weg und ihr Handy aus seinem Rucksack, und er sah auf die Stelle, wo sie gelegen hatte, sehr lange, und nahm dann sein Handy zur Hand. Er rief sie aber nicht an, es erschien ihm schon verloren, er packte seine Sachen und fuhr nach Hause, wo er lange schlief.
Das war das letzte was er mit Claire erlebte, die Nacht am Ossiacher See, mit Bierdosen in einer himmelblauen Kühltasche.