„Hallo?“
„Hallo, sprech’ ich mit Karin Baumgartner?“
„Am Apparat.“
„Ich habe gehört, dass Sie ermitteln, wenn es sonst niemand mehr tut. Ist das wahr?“
„Worum geht es denn?“
„Ich… mein Bruder ist verschwunden. Und niemanden kümmert’s. Ich weiß nicht, an wen ich mich noch wenden kann. Ich kann Sie natürlich bezahlen.“
„Können wir uns persönlich treffen?“
***
Karin versuchte, in dem ungemütlichen Aida-Plastiksessel eine halbwegs erträgliche Position zu finden, während sie die Tür beobachtete, um ihre Anruferin nicht zu versäumen. Wenn ihr Büro im Moment nicht so voll mit Ikea-Schachteln wäre, hätte sie sie ja dorthin eingeladen. Aber zurzeit war der Raum schon für eine Person sehr eng.
Karin trank einen Schluck Tee. Eigentlich wollte sie Kaffee, aber einerseits war der in der Aida untrinkbar und andererseits hatte sie ihr tägliches Pensum schon getrunken.
In dem Moment kam eine junge Frau, vielleicht Anfang 20, zur Tür herein und sah sich suchend um. Sie hatte blonde Haare, die gewaschen gehörten und Schatten um die Augen, die Karin – aus Erfahrung mit ihrem eigenen Spiegelbild – sagten, dass sie schon drei Nächte nicht mehr geschlafen hatte.
„Bingo,“ murmelte Karin, während sie die Frau zu sich winkte.
„Karin Baumgartner? Tut mir leid, ich hätte Sie mir…“
„… kleiner vorgestellt?“ Karin lächelte und strich über ihren Bauch. „Keine Sorge, ich bin erst im 7. Monat und so weit läuft alles hervorragend. Wenn ich meinen Job nicht mehr machen kann, dann werde ich dir einige äußerst kompetente Kollegen empfehlen, die dir weiterhelfen werden. Aber noch geht’s.“
Die junge Frau wirkte beruhigt, oder zumindest beruhigt genug, um sich hinzusetzen und Kaffee zu bestellen.
„Warum erzählst du mir nicht, was passiert ist, Julia?“
Julia nickte.
„Also, ich wohne gemeinsam mit meinem Bruder und noch einem Freund in einer WG. Mein Bruder und ich, wir waren uns immer schon sehr nahe, auch wenn unsere Leben uns in sehr unterschiedliche Richtungen getrieben haben. Ich habe eine Tischlerlehre gemacht und mache gerade den Kurs zur Lehrlingsausbildnerin, während er eigentlich immer schon an die Uni wollte. Er ist ins Gymnasium gegangen und hat gute Noten geschrieben und ist dann zielstrebig auf die Uni, Biologie studieren. Oder besser, Molekularbiologie. Naja, wir haben trotzdem noch viel gemeinsam unternommen und wie schon gesagt, wohnen wir ja auch zusammen, also kenn’ ich ihn sehr gut und ich weiß wie er ist und ich weiß, dass er nicht einfach verschwinden würde, ohne einen triftigen Grund.“
Julia musste Tränen herunterschlucken, aber hatte sich schnell wieder unter Kontrolle.
„Also, vor drei Tagen ist er nicht nach Hause gekommen. Ich hab mir nichts dabei gedacht, es kommt immer wieder vor, dass er mal bei Freunden übernachtet oder eine Nacht durchmacht. Und er muss sich bei mir auch nicht abmelden oder so. Aber ich hab ihn wegen irgendeiner Kleinigkeit angerufen und er hat nicht abgehoben und nicht zurückgerufen. Und das ist ungewöhnlich. Als er vor zwei Tagen dann immer noch nicht nach Hause gekommen war, hab ich begonnen, mir Sorgen zu machen. Und ich hab halt angefangen, bei seinen Freunden anzurufen und zu fragen, ob sie was von ihm gehört hätten. Und niemand hat was von ihm gehört. Gestern war ich dann bei der Polizei, aber die meinen, das schon nichts schlimmes sein wird, junger Student, macht halt einen drauf. Aber ich glaub das nicht. Und es heißt ja immer, dass die ersten Tage in so einer Ermittlung so wichtig sind und deswegen hab ich Sie angerufen.“
„Okay. Erst einmal, kannst du mich duzen. Zweitens bin ich mir sicher, dass die Polizei dich nur beruhigen wollte, aber ich werd’ bei ein paar Freunden nachfragen, was sie denn wirklich tun. Dann würde ich gerne eure WG sehen und sein Zimmer, wenn das okay für dich ist. Und ich würd’ gern mit eurem Mitbewohner reden. Ja, und dann sehen wir mal, wohin uns die Dinge bringen, okay?“
Karin tätschelte Julias Hand. Die junge Frau war eindeutig aufgebracht und machte sich eindeutig Sorgen um ihren Bruder. Aber insgeheim musste Karin der Polizei recht geben – es wäre nicht das erste Mal, dass ein Student beschließt, ein spontanes Wochenende woanders zu verbringen und vergaß, einen Handystecker mitzunehmen.
Aber gut, sie würde sich die Sache anschauen und vielleicht wäre mit dieser Arbeit ein weiterer Ikea-Kasten gesichert.